Wie teilt man ein Gewässer?

Es ist 7.00 Uhr und ich wache in meiner kleinen Stockbett-Herberge auf. Ich muss möglichst gleich um 08.00 Uhr los, denn ich konnte zwischen 20 und 40 Kilometern gestern Abend keine Herberge für heute finden, die offen hat und bezahlbar ist. 🤷‍♂️ Deshalb weiß ich nicht wie weit ich heute laufen muss und da ist es besser nicht zu lange zu trödeln. Da der Miniladen im Ort gestern geschlossen hatte und meine Essensvorräte leer sind, sieht es mit Frühstück mau aus. In einem Schrank finde ich Zwieback, den ich mit etwas Marmelade aus dem Kühlschrank beschmiere. Dazu ein Instantkaffee – köstlicher Knusperstart in den Tag. 🍓☕ Auch nen Stempel gab’s in der Herberge nicht, also laufe ich beim Rathaus vorbei – meiner Anlaufstelle Nummer 1, in allen Lebenslagen, in jedem französischen Minidorf. Stempel erfolgreich erhalten – ein Hoch auf die Verwaltung! 🎉

Bei 0°C laufe ich los, mit ungewissem Ziel. Wenigstens kommt nach kurzer Zeit die Sonne raus und wärmt von oben. Von Regen, Nebel oder Wind heute keine Spur. 🙏

Kühler Start auf schönen Wegen…
… mit hohem Waldanteil! 🌲

Ohne ein gewisses Maß an Sicherheit wo man am Abend oder Nachmittag sein muss, ist der Kopf nicht frei beim Laufen. Von den kontaktierten 5 Herbergen von gestern sind 2 geschlossen. 2 haben eine Mailboxnachricht von mir aber rufen nicht zurück und die letzte geht einfach nicht dran und hat laut Buch auch nur bis Oktober geöffnet. 🙈 So laufe ich mit vielen Gedanken dazu durch die Felder und befürchte bereits in einem Hotel (30km, 70 Euro) als einzige offene Alternative unterkommen zu müssen. Von der Übernachtung im Hotel habe ich aber auch nicht mehr, als von einer 10 Euro Stockbettunterkunft – allein der Gedanke daran nervt schon. 🙄 Mit fortlaufender Tageszeit sinken aber auch die Chancen – ich rufe nochmals bei den beiden Herbergen an und erhalte keine Antwort oder Rückruf. 🤷‍♂️

Dann laufen wir eben einfach mal weiter. 👣

Nach ca. 15 Kilometern taucht dann ein neues Problem auf. Ich stehe vor der folgenden Brücke

(Quelle: Haute-Vienne Tourisme, http://www.tourisme-hautvienne.com)

Die Brücke an sich ist kein Problem, dass sie komplett gesperrt und voller Bauarbeiter und Baugerüste ist allerdings schon. Ich schaue kurz auf meiner Karte, sehe aber in beide Flussrichtungen keine Alternative, zumindest nicht innerhalb von 10-15 Kilometern. 🤔 Also laufe ich auf 3 vertrauensvoll wirkende Gelbwestenträger zu. Da ich ebenfalls meine gelbe Warnweste trage, allerdings aus Jagdschutzgründen, sind wir sofort ein Team. ‚Klar können Sie rüber, vorsichtig sein und seitlich laufen.‘ Danke! 🙏 Also laufe ich los und werde nach 10 Metern auf der Brücke von einer Rotweste auf 3 Metern Höhe, vom Baugerüst, angeschrien. 🤷‍♂️ ‚Kein Vorbeikommen ohne Bauhelm und Sicherheitsschuhe! Für Wanderer schonmal garnicht – bitte der Auto-Umleitung folgen oder komplett umdrehen!‘

Okay Freundchen wo fange ich an? Ich habe zwar einen großen Rucksack aber heute ausnahmsweise weder Bauhelm, noch Sicherheitsschuhe dabei – auch wenn ich rieche als hätte ich 2 Wochen auf der Baustelle durchgearbeitet. Umdrehen und heimlaufen ist auch eher schwierig – da brauch ich dann ja wieder mindestens 45 Tage. 🤔 Und eine Umleitung mit 15 Kilometern mehr, zu Fuß, wo ich nicht mal mein Ziel für heute kenne? NEIN DANKE! 🥴

Ich gehe im Kopf kurz meine eigenen Alternativen durch:

A) Losrennen und hoffen, dass ich schneller bin als der Gerüstmensch. ❌ Abgelehnt! Rennen als Pilger bitte nur im Hunde- oder Jagdnotfall! 🐕

B) Mit meinem Jakobus 3000 das Gewässer teilen und lockeren Schrittes und winkend hindurchstolzieren. ❌ Abgelehnt! Soll zwar in der Vergangenheit in ähnlich brenzliger Situation am Roten Meer funktioniert haben, aber mir fehlt heute die Kraft für solche Experimente. 🌅

C) Zu meinen Gelbwestenfreunden zurücklaufen und um Hilfe betteln. ✔️ Angenommen! Das klingt fair und männlich! 😭

Von einem der neuen Kumpels werde ich kurz darauf über die Brücke geleitet – ohne die geschlagene Rotweste zu beachten schreite ich auf die andere Seite, ohne Bauhelm, ohne Sicherheitsschuhe, aber mit neuer Motivation und einem guten Gefühl! 🙏 Danke meine Gelbwestenbrüder!

Weiter geht’s nach der Hilfe der Westenbrüder!

Danach kehrt das Glück zurück – ich versuche es nochmals bei der vermeintlich geschlossenen Privatunterkunft und erhalte, nach bereits zurückgelegten 20 Kilometern, die Zusage. Nur noch 10 Kilometer für heute! Top! 🙏 Der Rest vergeht wie im Flug. Da ich weiß, dass ich super in der Zeit liege gönne ich mir einen Espresso in einem kleinen Dorf. Von der Wirtin bekomme ich einen Kuchen für lau, als Pilgerstärkung, dazu! 🎉🍰

Noch ein paar Waldwege und dann ist es für heute geschafft! 😍

Als ich in Saint-Léonard-de-Noblat ankomme gehe ich erst mal kurz in den Supermarkt. Kurz darauf teile ich zwar kein Gewässer, aber ein Getränk! Einen Pfirsicheistee! 🍑 Die Hälfte gibt’s vor dem Laden, die andere Hälfte in der Unterkunft! Wer weiß, vielleicht hätte es am Fluss doch geklappt? 🤪

Morgen geht es nach Limoges – der größten französischen Stadt auf meinem Weg. Hoffentlich ohne Brückenprobleme! Schlaft gut und buen camino! 🏃‍♂️🌠

Ein Kommentar zu „Wie teilt man ein Gewässer?

  1. Oh mein Gott, es ist schon schwierig manchmal als Pilger „durchzukommen“. Aber immer wieder tut sich ein Türchen auf, wer da wohl zur Stelle ist? Ich bin überzeugt, dass dein Dad „bei Dir ist“. Schlaf gut u buen camino, Bussi Deine Mama ❤️😘❤️

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