Eine Stockdiebin und das Cruz de Ferro

Am 13.01. liege ich am Abend in meinem Stockbett auf der unteren Etage in einem großen Schlafsaal in Rabana del Camino. Es ist kalt in der öffentlichen Herberge. Der kleine Holzofen im Eck heizt nur spärlich und wärmt vor allem die Pilger die direkt daneben platziert sind. Das Licht ist um 22.00 Uhr ausgeschaltet worden – im Raum befinden sich ca. 20 Personen. Ungefähr jeder fünfte schnarcht pünktlich zur Schließzeit bereits ein kostenloses Konzert in die Runde. Während das kleine Feuer mit den Flammen die alten Gemäuer und die breiten Holzbalken an der Decke mit sanftem Licht beflackert, kreisen die letzten Gedanken bei den restlichen wachen Pilgern in den meisten Fällen wohl um die eigenen Camino-Geschichten der letzten Tage, Wochen oder Monate. Jeder geht seinen Weg, kein Camino ist gleich.😴 Astorga liegt hinter uns, nur knapp 21 Kilometer waren es bis Rabanal. Wir wären gerne weiter gegangen aber die nächsten Dörfer bieten im Winter leider keine Unterkunft für uns. So sind wir zufrieden wieder ein kleines Stück vorangekommen zu sein, an einem Tag, der kalt startet und dann nach und nach aufhellt. ❄️☀️Im Bett bemale ich die kleinen Steine aus der Heimat, die ich am Cruz de Ferro, am höchsten Punkt des Caminos, am Dienstag symbolisch ablegen möchte. Als ich das erfolgreich geschafft habe folgen die Ohrstöpsel, das wichtigste Nachtutensil auf dem Weg, und dann begleite ich das Schnarchkonzert mit engelsgleichen Tönen in die Nacht. 🛌😴

Weg aus Astorga in Richtung Rabanal 🏃‍♂️
Die Distanz zum ‚Feld der Sterne‘ schrumpft Tag für Tag 🌟
Streetart in Rabanal 🦆😍
Ein Blick in die linke Hälfte des Schlafsaals 😜
Und meinen Steine für das Cruz de Ferro 🙏

Der Dienstag ist von zwei Geschichten geprägt. Die erste handelt von einer Stockdiebin. 🕵️‍♂️Als ich am Morgen vor der Herberge auf meine 4 koreanischen Mitpilger warte sehe ich, wie eine junge Koreanerin alle Walkingstöcke genau checkt. Am Schluss läuft sie mit einem Paar los, welches ich im ersten Moment für Seung’s Stöcke halte. Da sich aber fast alle Koreaner bei Decathlon eingedeckt haben (so hatten z.B. bisher auch schon 4 Personen die gleichen Handschuhe wie ich), ist das per se keine Überraschung. Sie läuft los und verschwindet im Nebel. ❄️☁️ Als dann allerdings 10 Minuten später Seung seine Stöcke nicht findet, berichte ich ihm von meiner Beobachtung. 🧐 „Kein Problem wir sind ja relativ fix unterwegs und dann bekommt er sie bestimmt zurück.“ Nach ca. 10km holen wir die junge Dame ein, Seung läuft vor und spricht mit ihr, dann kommt er zurück (ohne Stöcke) und macht eine Pause am Straßenrand. Was denn nun war frage ich ihn. Er meint ‚Ich habe sie gefragt ob es ihre Stöcke sind‘. Sie habe darauf geantwortet ‚Nein, aber meine waren weg, dann habe ich mir einfach die genommen‘. Das war alles? 😂 Ich frage Seung, ob er ihr nicht noch seinen Hut oder seine Schuhe schenken wollte? Er lacht – die koreanische Freundlich- und Gutmütigkeit kennt scheinbar keine Grenzen. 🤷‍♂️ Aber das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen. 😜

Danach steigt der Weg immer höher an, der Nebel, der uns zu Beginn noch begleitet hat, lichtet sich und offenbart uns wunderbare Blicke ins Tal. 🏞️ Bald darauf erreichen wir das ‚Cruz de Ferro‘. Für manche ist es nur ein Steinhaufen nahe der Straße, der wenig mystisches oder spirituelles zu bieten hat. Für mich war es heute ein sehr besonderer Moment. Nach über 2200 Kilometern die Steine abzulegen an diesem Ort, das Gebet des ‚Cruz de Ferro‘ zu sprechen und in den Moment zu hören war einer der großen Camino-Momente. Zu tief möchte ich hier nicht ins Detail gehen, aber ja es war wichtig für mich, ja es flossen Tränen, ja es war perfekt. ❤️🙏 Bei aller, teilweise nachvollziehbarer, Kritik mancher Pilger an diesem Ort (zwecks Bustourismus, Straßennähe, etc.) denke ich einfach, dass das ‚Cruz de Ferro‘ so wie der gesamte Camino und auch das Leben eben für jeden individuell wahrgenommen und gestaltet wird und man selber maßgeblich Einfluss darauf hat, wie man den Moment wahrnimmt oder fühlt. Lasst euch also von möglichen Berichten, Filmen oder Büchern weder verzaubern noch erschrecken – jeder erlebt alles einmalig und einzigartig auf dem Camino, Gutes wie Schlechtes.

Letztendlich wurden es heute knapp 33 Kilometer. Der nächste Schritt ist getan, es war ein anstrengender Tag (vor allem der Steile Abstieg nach dem Kreuz) aber auch eine wichtige und wunderbare Erfahrung. Gute Nacht und Buen camino aus Ponferrada. 🏃‍♂️🌠

Blick ins Tal während dem Aufstieg zum Kreuz
Am ‚Cruz de Ferro‘ 🙏
Steine und Papa ❤️
Blick auf das Kreuz
Und der Camino, der kurz darauf steil ins Tal führt. 🏞️

Gebet am Cruz de Ferro:

Herr, möge dieser Stein, Symbol für mein Bemühen auf meiner Pilgerschaft, den ich zu Füßen des Kreuzes des Erlösers niederlege, dereinst, wenn über die Taten meines Lebens gerichtet wird, die Waagschale zugunsten meiner guten Taten senken. Möge es so sein. Amen.

Ein Kommentar zu „Eine Stockdiebin und das Cruz de Ferro

  1. Mein lieber Pilger Michí, auch für mich war es im Sept.2018 sehr ergreifend an diesem einzigartigem Ort „inne zu halten“. Ich wünsche Dir von Herzen weiter einen buen camino, wundervolle u einzigartige Momente. In Liebe, Deine MAMA 😘💙💝

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