Weiter immer weiter!

Von Villafranca aus startete unsere 6er-Gruppe aus Korea, Deutschland und Ungarn in den Tag. Wir wollten ca. 30 Kilometer laufen doch entschieden uns unterwegs spontan bis nach Burgos aufzustocken und somit fast 40 Kilometer zu gehen. 🏃‍♂️Als wir nach Einbruch der Dunkelheit in der großen Stadt Burgos ankommen ereilt uns in der öffentlichen Herberge der totale Pilgerschock.😱 So viele Pilger, trotz Winter – viele fangen hier ihren Weg an. Italien, Brasilien, Dänemark und viele weitere Länder sind vertreten. Doch unsere Gruppe bleibt zum Essen zusammen. Gemeinsam geht’s zum Burgerking – Kräfte sammeln. 👌Alle sind platt und als die Herberge um 22.00 Uhr verriegelt und das Licht ausgeschaltet wird fallen alle von uns müde ins Bett. Viele andere haben noch Energie für Bier, Smalltalk und Co – bei uns sieht das ein bisschen anders aus. 😂 PS: Die Kathedrale bei Nacht sah wirklich beeindruckend aus. ⛪

Spuren anderer Pilger auf dem Weg ❤️🙏
Und in manchem Kunstwerk findet man sich wieder. 😜
Beim internationalen Kräftesammeln. 💪
Kathedrale bei Nacht ⛪

Der Morgen nach dem Powermarsch traf unsere Gruppe schwer. 2 Koreaner haben Knieprobleme und überspringen den Tag mit dem Bus. 🚌 Wir restlichen 4 pilgern, mit mehreren Kaffee- und Bocadillopausen durch die Meseta und bis nach Hontanas, ca. 32 Kilometer. 🙏 Die Landschaft ist interessant und bietet immer wieder wunderbare Fotomotive. 😍 In der neuen Herberge gibt es zum Abendessen Paella. Das war aber bisher für mich der einzig positive Aspekt an dieser Unterkunft. Alle frieren, man sieht den Atem. 🙈 Weil noch einige ältere Koreaner innen spät ankamen wurden wir auf die oberen Stockbetten verteilt. Diese schwanken ordentlich und alleine das hochklettern ist eine Mutprobe. Dazu nur kaltes Duschwasser bei Minusgraden und im Erdgeschoss jodelt die Musik ordentlich laut. Das wird was. Meine Ohrstöpsel liegen parat. Sollte heute Nacht keiner aus seinem Bett fallen schauen wir mal wie weit wir morgen kommen. 🧐😜 Guds Nächtle und buen camino aus Hontanas. 🏃‍♂️🌠

Kathedrale in der Morgendämmerung ✨
Auf Schlangenwegen durch die Meseta ❤️
Beeindruckende Wandbilder… 😍
… und wunderbare Ausblicke. 🏞️

Vielleicht ist der Camino…

Vielleicht ist der Camino für viele Pilger die Rückbesinnung auf die wesentlichen Merkmale der Menschlichkeit. Vielleicht ist der Camino der Mikrokosmos, das kleine Paradies an Nächstenliebe, das wir in der normalen Welt oft, wie auf Knopfdruck, ausschalten. Wenn du weißt, dass dir fremde Menschen nichts Böses wollen und das Grundvertrauen in das Gute im Menschen größer ist als normal, weil Misstrauen auf diesem Weg im Kreise der Mitpilger ausgeblendet ist, dann bist du angekommen. Angekommen auf einem Weg, dessen Distanz von Tag zu Tag kürzer wird. Angekommen auf einem Weg, der anfangs unendlich scheint, aber Tag für Tag scheinbar an Unendlichkeit verliert. Nur scheinbar, da ein Teil des Weges auch nach dem Weg mit dir geht. Ein Teil der Eindrücke aus Ländern, Charakteren und Erlebnissen begleitet dich weiter. Weit über das Ziel hinaus. Weit über den Abschied der einzelnen Personen hinaus. Abschiede sind hier an der Tagesordnung. Viele fallen schwer, trotzdem sind sie unumgänglich.

Der Camino ist eine lange Zugreise.🛤️ Ich bin alleine eingestiegen. Der Zug war lange Zeit leer. Einige Personen stiegen ein, andere stiegen aus, wieder andere stiegen um und steigen vielleicht an einer anderen Station wieder ein. Ob sie den gleichen Zug nehmen, weiß ich nicht. Was du aus dem Erlebnis, den Eindrücken und den Begegnungen machst liegt bei dir. Zehrst du lange davon, bist du ein reicher Mensch.

Nach 75 Tagen und mehr als 1900km habe ich bisher in Klöstern geschlafen, mit Mönchen gesprochen, in Burgen übernachtet, in Matratzenlagern gehaust. Ich habe gefroren, ich habe geschwitzt, ich habe in einfachen Verhältnissen gehaust und Menschen aus 4 Kontinenten kennengelernt. Jeder Mensch war verschieden. Jeder hatte trotzdem einen gemeinsamen Grundnenner. Vielleicht endet dieser Weg in Santiago oder Finisterre mit dem letzten Kilometerstein, aber die Reise geht immer weiter. Buen camino aus Villafranca-Montes de Oca! 🏃‍♂️🌠

Wer weiß schon, was hinter dem Nebel wartet? ☁️
Buen Camino! 🙏

Per Powernap ins neue Jahr

Bei eisigen Temperaturen geht es aus Logrono.❄️ Dick eingemummelt laufe ich aus der Stadt und treffe unterwegs auf José, einen spanischen Pilger. Er ist aus Alicante und hat ungefähr das gleiche Tempo wie ich und so überholen wir die gesamte Gruppe aus Koreanern und unterhalten uns mit einfachem Spanisch, bis wir in einer Stadt eine Bar finden, in der wir uns endlich aufwärmen können. Dann kommt ein Nachzügler nach dem anderen an, wir genehmigen uns Kaffee, Cola, Sandwiches und Co und brechen dann auf in Richtung Najera, wo wir in der öffentlichen Pilgerherberge auf Spendenbasis nächtigen werden. Dort dann erstmal die spannende Info, dass die Herberge um 22.00 schließt und die Lichter ausgehen. Es gibt also ein Schnarchkonzert ins neue Jahr. 😂 So etwas hatte ich auch noch nicht. 🎉🍾Nach einem kurzen Einkauf mit den Koreanern und mit Lajos aus Ungarn gibt es heute wieder koreanisches Essen – ordentlich gewürzte Ramen-Nudeln. Einigen treibt es die Tränen in die Augen. 👀 Nach dem Essen fließt noch etwas Wein, dann muss jeder Pilger der gesamten Gruppe ein Lied vorsingen. Weihnachtslied oder Lied aus dem eigenen Land. Die Spanier fangen an. Danach folgt die große Gruppe Koreaner. Dann soll ich allein singen. Okay!😂 20 filmenden Smartphones entgegenblickend singe ich das Pilgerlied Ultreia. In Frankreich habe ich es unterwegs gelernt – da hatte ich ja wenig Gesellschaft. 🙏 Wer die Originalversion (nicht meinen Gesang) anhören möchte kann das hier tun: 🎶🎵 Danach ging es dann tatsächlich ins Bett, alle schnarchten und schliefen sich per Powernap ins neue Jahr(-zehnt). 😴

Wintercamino ❄️
Pilgerpause für Korea, Ungarn, Spanien, Deutschland 😀
Spannende Wege
Pause vor einer besonderen Schutzhütte
Vor der Herberge in Najera

Heute kam dann die Sonne zurück. Von Najera ging es in Richtung Granon. ☀️Das neue Jahr fängt also mit bestem Pilgerwetter an! So kann es weitergehen 2020! Unterwegs kommen wir nach Santo Domingo de la Calzada. Das ist eine berühmte Stadt am Jakobsweg, auch aufgrund des Hühnerwunders. (bitte die Geschichte googeln!) 🐓🐔 Anstelle eines Hühnerstalls sehe ich eine Prozession die gerade in und um die Kirche stattfindet. 👀❤️ In Granon füllen wir fast den kompletten Schlafsaal mit den vorgesehenen Matten. Am Abend bekommen wir vom Hospitaliero einen tollen Salat und spanischen Eintopf serviert. Dazu Rotwein. Das gibt Power für morgen und das Schnarchkonzert. 😜🎶 Morgen geht es dann schon wieder raus aus ‚La Rioja‘ und wir erreichen ‚Castilla y Léon‘ (Kastilien und Leon). Singen musste heute keiner – das ist gut. Ich wünsche euch ein gutes neues Jahr, mögen eure Wünsche und Träume in Erfüllung gehen. Ich lebe gerade einen der meiningen und bin dankbar! 🙏🎊 Happy new year and buen camino aus Granon! 🏃‍♂️🌠

Sonnenaufgang am Camino
Wunderbare Landschaften durch ‚La Rioja‘
Prozession vor der Kathedrale in Santo Domingo
Matratzenlager unter dem Dach
Blick in Richtung Kastilien und Leon